SH-Supertrail 2017 – Tag 1

am

Wildenburg – Braunshausen

Mein erster Etappenlauf. Im Vorfeld hatte ich mir schon so meine Gedanken gemacht. Zwei Tage hintereinander laufen: Kein Problem. Zwei Tage hintereinander eine längere Strecke laufen: Auch schon ausprobiert (z.B 25km und 30km.). Zwei Tage hintereinander einen Ultra laufen? Dafür muss man schon ein gewisses Maß an …ja was eigentlich?… mitbringen. (Hier scheiden sich sicherlich die Geister 😉 )

In den Ergebnislisten der ließ sich allerdings erkennen, dass es viele Wiederholungstäter gibt. Entweder sind die alle total durchgeknallt oder die ganze Sache macht womöglich auch noch Spaß.

Das allerdings lässt sich nur im Selbstversuch herausfinden. Und da die Idee nicht nur verrückt, sondern irgendwie auch reizvoll nach Abenteuer und Herausforderung klingt, ist das mit der Anmeldung dann so ganz versehentlich passiert. Zweifel ob der Richtigkeit meines Tuns haben mich in der ganzen Zeit der Vorbereitung nicht befallen. Ab und zu wurde mir bewusst, auf was ich mich da einlasse. Aber es wäre doch langweilig ohne die eine oder andere kleine Herausforderung.

Eigentlich liegt Braunshausen so fast um die Ecke. Übernachtung zu Hause möglich. Aber wenn es die Möglichkeit zu einem „Kurzurlaub“ gibt, warum nicht. Dementsprechend mit Zelt und (viel zu viel) sonstigem Krams im Auto schon am Donnerstag angereist. Zelt aufbauen, gemütlich abends noch rumsitzen und reden, schon ein bisschen die Atmosphäre aufsaugen. Und dann – viel zu spät – doch mal schlafen. Gut gelegen habe ich im Zelt, sehr bequem. Nur das mit dem Schlafen hat nicht so gut geklappt. Morgens kurz vor halb fünf erwachen schlagartig alle Vögel in den Umgebung und veranstalten einen Höllenlärm. Dem schließen sich dann die Läufer aus der ersten Welle mit klappenden Autotüren an. Was soll´s. Dann habe ich mehr Zeit um richtig wach zu werden und zu frühstücken.

Punkt sechs Uhr fährt der Bus mit den ersten Läufern zum heutigen Start, der Wildenburg bei Kempfeld. Da ich etwas flotter laufe darf (?) ich mit der zweiten Welle starten. Die angekündigten Temperaturen lassen mich daran zweifeln, ob ich das wirklich als Privileg auffassen soll….

Nach dem Frühstück (genug essen, aber bloß nicht zu viel) steht auch bald der Bus wieder für uns bereit. Die Fahrt wird mit angeregten Gesprächen gefüllt. In einer Kurve vor uns dann ein brennendes Auto. Ein Abschleppwagen ist schon da, es stehen Menschen am Fahrbahnrand. Außer dem Schaden am Auto scheint zum Glück nichts passiert zu sein. Im Vorbeifahren spürt man die Hitze deutlich durch die Scheiben. Kein schöner Auftakt für diesen Tag.

An der Wildenburg richten sich die Gedanken dann aber schnell auf andere Dinge. Bernhard ruft die Teilnehmer einzeln auf. Dann erklärt er die Wegbeschilderung. Immer den blau-grünen Schildern des Saar-Hunsrück-Steigs folgen. (Alle anderen Farben sind falsch. Zum Beispiel das Lila der Traumschleifen. Allerdings verlaufen die Wege manchmal parallel.) Ab und zu gibt es weiße Pfeile als extra-Markierungen, von Bernhard angebracht. Die sind nicht immer gut zu sehen oder zu finden, wie sich herausstellen soll. Und an manch einer Stelle hätte ich mir dringend einen Pfeil gewünscht.

Dass man unterwegs höllisch aufpassen muss, weiß ich schon aus Erzählungen anderer Läufer. In der Regel klappt das mit der Orientierung ja ganz gut. Wenn man nicht gerade schwätzt, einen Tunnelblick hat oder einfach nur fertig ist. Oder gerade den Boden nach Wurzeln, Steinen etc. scannt.

Dann geht es endlich los. Zunächst laufen wir eine Schleife von ca. 6km um die Wildenburg. Waldweg, dann Trail. Einen Teil kenne ich vom Hunsrück-Trail letztes Jahr. Nur andersherum. Nach der Runde um die Burg der erste VP. Dann geht es bergab. Das ist weiterhin die mir bekannte Strecke in andersherum. Und es geht immer weiter runter. (Oh je, so lang hatte ich den Anstieg von damals aber nicht in Erinnerung… Das kann ja heiter werden an Pfingsten.)

Noch ist es kühl, das Tempo locker. Immer im Hinterkopf der zweite Tag. Völlig verausgaben ist heute nicht angesagt. Eher Trainingstempo (wenn auch ein zügiges). Inzwischen sind wir in einer kleinen Gruppe unterwegs. Vor uns zwei Portugiesen (die vielleicht mit der Wegbeschreibung Probleme hatten?), die in einen falschen Weg abbiegen wollen. Wir pfeifen sie zurück. Das Spiel wiederholt sich noch an einigen Stellen.

Man muss aber auch wirklich aufpassen. Wer zu schnell unterwegs ist oder abgelenkt, läuft Gefahr, etwas zu übersehen.

Die Strecke ist ein ständiges Auf und Ab. Längere flache Abschnitte, um mal die Beine auszuruhen? Fehlanzeige. Wieder in VP. Unsere zwei Portugiesen kommen aus einer anderen Richtung angelaufen. Was, schon wieder? Ich glaube, ich hätte schon längst die Faxen dicke. Also immer gut aufpassen.

Nach dem VP wird es bei mir etwas zäh. Ich bin schon mal losgelaufen. Zu lange rumstehen bekommt mir nicht. Der Rest meines Grüppchens schließt viel zu schnell zu mir auf. Puh, wenn die mich einholen und das Tempo durchziehen, muss ich alleine weiter. (So mein Eindruck. Mir wurde nachher gesagt, ich wäre recht flott gewesen und hätte sie gezogen. Das war wahrscheinlich meine Angst, sie würden mir weglaufen.)

Weiter das ewige Auf und Ab. Mal zu zweit, mal im Grüppchen. Immer wieder schöne Singletrails und herrliche Landschaft. Aber nur nicht hinreißen lassen. Da kommt ja noch Tag zwei. Und die Highlights des heutigen Tages sind auch noch nicht erreicht. Dafür nähern sich die Temperaturen aber allmählich unangenehmen Höhen. Was sich wiederum, sehr deutlich auf Lauftempo und Befindlichkeit auswirkt. Bergauf. Sonne. Vielleicht mal kurz gehen?

Irgendwann ragt dann auch der Höhepunkt des Tages vor uns auf. Der Erbeskopf: 816 m Höhe, die höchste Erhebung des Hunsrücks, der höchste Berg in Rheinland-Pfalz, der höchste deutsche Berg links des Rheins. Und am Fuß unser nächster VP. Zum Glück – oder auch nicht. Wasser – gut. Zeit, sich den folgenden Verlauf der Strecke anzusehen – nicht so gut.

Irgend so ein besonders Schlauer in der Planung das SH-Steigs war anscheinend der Meinung, dass der Steig nur um so spektakulärer wird, wenn er neben der Skipiste senkrecht den Hang hoch führt. Echt eine super Idee. (Naja, das ist zumindest der kürzeste Weg nach oben.) Nebenan die Sommerrodelbahn. Wenn man da jetzt mal schnell aufspringen könnte, um nach oben mit zu fahren….

Wir sind bei km 38. noch ungefähr 30 km zu laufen. Gerade mal gut Halbzeit. Und dann sowas. Und es wird ja nicht besser. 😉

Also erstmal den Berg raufwuchten. (So eine üppig ausgestattete Verpflegungsstation am Fuße eines Berges hat auch Nachteile.) Oben kurz orientieren und weiter. Nur noch ein-zwei Berge, dann sind wir da.

Zwischendurch über Holzstege, dann eine Wiese. Mitten in der Sonne, welliger Grasweg. Hatte ich erwähnt, dass mich die Temperaturen fertig machen? Am liebsten würde ich hier Pause machen so mindestens bis abends. Aber das war ja so nicht geplant. Also weiter. Nach der nächsten Verpflegung (und Wasser, Wasser, Wasser) wird es wieder besser. Mal komplett Wasser überkippen. Das wäre es. Traue ich mich nicht wegen Scheuerstellen (im Hinblick auf Tag zwei). Wäre sehr sinnvoll gewesen. Nächstes Mal weiß ich es besser.

ca. km 50. Muhl. Der Luxus VP schlechthin. 🙂 Allerdings wäre es mir lieber, es wäre jetzt so kalt wie letztes Jahr, als ich mir hier im Wind als Helfer alles abgefroren habe.

Erfrischt geht es weiter. Halb erfrischt. Das Hirn scheint nicht mehr so gut mit zu machen. Ein schöner Pfad, dann eine Kreuzung. Mit Freude registriere ich die Aufschrift „Nonnweiler 11,x km“ (oder so ähnlich) . Und folge dem Pfeil. So ungefähr. Sind wir noch richtig? Ich bin mir nicht sicher. Weiterlaufen und schauen, ob ein Schild kommt. (Die Entscheidung fällt mir leichter als umkehren und an er Kreuzung noch einmal genau schauen. Geht es doch bergab.) Nach ein paar hundert Metern ist klar: Wir sind falsch. Also umdrehen und den Berg wieder rauf. Ein Läuferpaar, das wir vor kurzem überholt haben ist jetzt wieder vor uns. Erneutes Treffen. Das soll aber unser einziges Verlaufen sein. Damit haben wir sicherlich eine recht gute Bilanz.

Der nächste VP ist kurz vor dem Stausee. Vorher bietet der Steig natürlich noch ein paar interessante Details. Berg hoch, Berg runter. Schöne Trails. Landschaft ohne Ende. Der Dollberg, höchste Erhebung des Saarlandes. Und ein sehr gefährliches Pflaster. Dort werde ich von einer aggressiven Wurzel angefallen, die sich um meinen Knöchel schlingt. (Vielleicht habe ich auch einfach nur einen Stein übersehen?) Was auch immer, das Ergebnis ist nicht so berauschend. Aus vollem Lauf (oder wozu ich eben bergauf noch so fähig bin) eine Bremsung auf den Knien hingelegt. Kommt mit kurzer Hose besonders gut. Die Kontrolle ergibt, dass nichts einen ernsthaften Schaden davongetragen hat. (Knie abspülen, Uhr heil, Brille heil, Handy heil,…)

Meine Erschöpfung ist vorübergehend wie weggeblasen. Der Adrenalinschub wirkt. Sehr zum Ungemach meines Laufkollegen, der meine leichte Tempoänderung gar nicht so lustig findet.

Lang hält das sowieso nicht vor. Es tauchen auch schon die nächsten Hindernisse auf. Die Wege sind teilweise dermaßen mit Steinen durchsetzt, dass man gar nicht richtig laufen kann. Dann folgt die Überquerung des Hunnenrings. Über 10 m hoch die Steine einfach sinnlos aufgetürmt. O.k. Früher zur Keltenzeit hatte das einen Sinn. Aber muss der Weg wirklich genau darüber führen? Immerhin gibt es eine Treppe. Und oben auf der Spitze des Walls ist der Ausblick wirklich gigantisch. Ja, die Kletterei hat sich gelohnt.

Den folgenden Downhill kann man nicht rennen. Wieder diese widerlichen Steine im Boden. Also Gemach. Das hört schon noch auf. Eigentlich ist es auch sowieso schon lange viel zu heiß um ernsthaft zu laufen.

Relativ schnell erreichen wir dann den nächsten – und letzten VP – nicht weit entfernt von einer nachgebauten keltischen Siedlung. Danach geht es oberhalb des Stausees entlang. In Pfad zwischen den Bäumen. Dann die Staumauer. Jetzt ist es nicht mehr weit. (Ich weiß nur nicht genau, wie weit.)

Ab hier geht es auf der Straße weiter. Bergab. Links in der Wand ein Rohr mit eiskaltem Wasser. Herrlich. (Morgen wieder 🙂 )

Und dann die elend lange Straße. Mitten in den Sonne. Ich glaube, alleine wäre ich hier häufiger gegangen. Selbst ohne Berg. Zu zweit ist es erträglich. Wenn das nur aufhört. Schatten? Ja , gibt es auch. Aber dafür darf man dann bergauf. (Bei kühlem Wetter wäre das so ein Stück um noch einmal Zeit gut zu machen. Aber heute? Nö. Lass mal.)

Dass der letzte Anstieg gegangen wird, muss nicht groß abgesprochen werden. Liegt zwar großenteils im Schatten, aber es geht halt bergauf. (Kein Läufer vor uns zu sehen, keiner hinter uns. Keine Eile also.)

Es wird flacher. Noch 500m. Eigentlich könnte man ja jetzt gehen bis zu der Stelle, an der man vom Ziel aus gesehen werden kann. 😉 (Und an der es wieder bergab geht.) Ein paar am Rand sitzende Zuschauer „nötigen“ uns dann aber doch, jetzt schon los zu laufen. Dann geht es um die Kurve und locker, entspannt (bergab) durchs Ziel.

Tag eins geschafft. Eine sehr schöne, aber auch anspruchsvolle Strecke. (Nicht zu reden von der Hitze.) Der Rest des Tages wird gemütlich auf der Wiese verbracht. Ankommenden Läufern applaudieren, essen, unterhalten, essen. Es wird spät. Das Zelt wartet. Tag zwei kann kommen.

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4 Kommentare Gib deinen ab

  1. regenfrau sagt:

    Liebe Birthe,
    wow, ich werde alleine vom Lesen schon müde! 😉
    Und freue mich auf Tag 2! 🙂

    1. trailfrosch sagt:

      Liebe Doris,
      sooo schlimm war es auch wieder nicht. 😉
      Ich hoffe, du hast dich inzwischen vom Lesen erholt.
      Liebe Grüße
      Birthe

  2. Liebe Birthe,
    die Strecke kenne ich. Vor zwei Jahren sind wir die in Gegenrichtung von Hermeskeil bis Idar-Oberstein gelaufen, allerdings an zwei Tagen. Eine wirklich tolle Tour mit grandiosen Pfaden und Ausblicken. 🙂

    Zum Glück hast Du den Sturz gut überstanden und hoffentlich über Nacht auch keine Nachwehen bekommen. Ich bin gespannt auf Teil 2 Deines Berichts.

    Liebe Grüße
    Rainer 😎

    1. trailfrosch sagt:

      Lieber Rainer,
      die Strecke ist wirklich schön. Eigentlich müsste man immer wieder stehen bleiben, um zu schauen. Der Sturz war harmlos. Nur oberflächlich. Mit kurzer Hose kein Problem.
      Liebe Grüße
      Birthe

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